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Tod eines Haustiers

In der Sonntag Aktuell - Ausgabe vom 25. Juli 2004 wurde ein Interview veröffentlicht, dass sehr umfassend und interessant auf die verschiedenen Aspekte dieses schwierigen Themas eingeht. Die Redaktion hat uns freundlicher Weise die Veröffentlichung gestattet.

 

Plötzlich klafft im Alltag ein Loch

Verena Grünig (58) aus Schaffhausen arbeitet für das Institut für die interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung IEMT Schweiz. Die Tierpsychologin lebt, seit sie denken kann, mit Tieren. Sie kennt sich also in Theorie und Praxis aus - auch wenn ein Haustier stirbt.

 

Frau Grünig, wer sich wie Sie mit Tieren beschäftigt, lernt auch viel über Menschen. Verdrängen die meisten Tierbesitzer den Gedanken, dass ihr Tier mit großer Wahrscheinlichkeit vor ihnen sterben wird?

Das ist ganz unterschiedlich. Viele leben so im Moment, dass es sie wie eine unvorhersehbare Katastrophe trifft, wenn das Tier plötzlich nicht mehr da ist. Aber es gibt auch Menschen, die wissen, dass die Tiere im Allgemeinen kürzer als sie selbst leben, und aus diesem Wissen heraus diese Zeit bewusst genießen.

 

Aber die wenigsten Tiere sterben eines natürlichen Todes. Meist muss der Besitzer entscheiden, dass heute der Tag gekommen ist, an dem für sein Tier das Leiden am Leben größer ist als die Lust daran.

Das stimmt. Euthanasie ist eine sehr häufige Todesart für Hunde und Katzen. Ein Leben lang sorgt man für sie - und plötzlich muss man sich für ihren Tod entscheiden. Gegen das Leben.

 

Das stellt die bisherige Beziehung völlig auf den Kopf.

Es ist eine ganz schwierige Situation. Ich erlebe immer wieder, dass Tierbesitzer große Schuldgefühle haben, weil sie sich mit ihrem Ja wie Mörder fühlen. Da ist es gut, wenn der Tierbesitzer vom Tierarzt Unterstützung bekommt. Dass er ehrlich sagt, wie er selbst in dieser Situation entscheiden würde. Dann ist es gut, wenn der Arzt die Entscheidung mitträgt.

 

Trotzdem schiebt man als Tierbesitzer den Tag ja wahrscheinlich gerne noch mal raus, auf morgen, nächste Woche oder vielleicht in einem Monat. Das sagt viel über die Mensch-Tier-Beziehung.

Natürlich kann es auch blanker Egoismus sein, wenn man sich von einem Tier nicht trennen kann und es dadurch länger leiden muss. Aber es kann eben auch anderes mitspielen. Es kann ja sein, dass ein Tier eine Erinnerung an ein verstorbenes Familienmitglied ist. Wenn das Tier stirbt, ist auch die Brücke zu diesem Menschen verloren. Oder das Tier hat einen in einer schwierigen Situation, bei einer Scheidung oder einem Wohnortwechsel, begleitet. Mit dem Verlust des Tieres kommen alle negativen Gefühle wieder. Wer nicht selbst ein Tier gehabt hat, für den ist es sehr schwer zu verstehen, was die Freundschaft zu einem Tier bedeuten kann. Denn wenn man Jahre mit ihm zusammengelebt hat, besteht eine große Vertrautheit. Dann stirbt vielleicht auch ein Teil der eigenen Persönlichkeit.

 

Ist es für eine vollständige Familie leichter, mit dem Tod eines Heimtiers fertig zu werden, als für einen allein stehenden alten Menschen?

Es gibt Untersuchungen, die ergeben, dass nicht unbedingt die alten Menschen am meisten trauern. Oft sind es gerade die jungen Menschen, auf die man das Augenmerk richten muss. Wenn zum Beispiel ein 18-Jähriger seine ganze Kindheit und Jugend mit einer Katze oder einem Hund gelebt hat und sich in der schwierigen Phase des Erwachsenwerdens befindet, kann der Tod eines vertrauten Tiers, das immer Trost gegeben hat, den Sinn des Lebens in Frage stellen. Vielleicht haben sich alte Menschen eher an Verluste gewöhnt, weil sie schon oft erlebt haben, dass man völlig verzweifelt sein kann und das Leben dann trotzdem weiter geht.

 

Nichttierbesitzer halten es aber in der Regel fast für unnormal und neurotisch, um ein Tier zu weinen.

Ich finde es absolut legitim. Überlegen Sie doch mal, wie unruhig manche Menschen sind, weil sie ein Erinnerungsstück verloren haben, das man nicht mit Geld ersetzen kann. Dann darf man doch ein Tier vermissen, das ganz in den Alltag verwoben war, mit dem man sich irgendwie immer beschäftigt hat. Es gibt im Laufe eines Tages einfach ganz viele Handlungen und Gedanken, die mit dem Tier zu tun haben. Der Tod reißt in den Alltag natürlich ein Riesenloch . . .

 

. . . das den Boden unter den Füßen wegziehen kann.

Viele schämen sich fast dafür und sagen, dass sie nicht gedacht haben, dass sie so heftig reagieren würden, und sind verunsichert, weil sie womöglich beim Tod eines entfernten Verwandten nicht weinen mussten. Beim Hund oder Vogel aber haben sie geweint. Das liegt daran, dass der Tod dieses Tieres ein viel größeres Loch in den Alltag gerissen hat als der Verwandte, den man vielleicht nur einmal im Jahr gesehen hat. Das heißt aber nicht, dass man Tiere über Menschen stellt.

 

Unausgesprochen steht aber meist der Vorwurf im Raum: Wer um einen Hund oder eine Katze weint, dem sind dann ja wohl die Menschen egal.

Man weiß, dass Menschen, die mit Tieren aufgewachsen sind, als Erwachsene mehr Geld für wohltätige Projekte für Menschen spenden als andere. Ich bin sicher, dass es auch den Menschen, Alten oder Flüchtlingen, zu Gute kommt, wenn man sich in Tiere einfühlen kann. Deshalb ist mir die Arbeit mit Kindern so wichtig. Tierliebe wird gerne ins Lächerliche gezogen, als Degeneration gesehen. Aber es heißt ja nicht, dass, wer um Tiere trauert, nicht auch Menschen liebt.

 

Für Kinder ist der Tod eines Haustieres oft die erste Begegnung mit Tod und Abschied.

Deshalb ist es wichtig, sie in Entscheidungen einzubinden und nicht einfach die Ratte durch eine andere Ratte zu ersetzen. Was Kindern gut tut, nämlich die Ratte in einen Schuhkarton zu packen und sie zu begraben, würde manchmal auch Erwachsenen gut tun. Ich kenne Kinder, die abends eine Kerze angezündet haben und das zur Erinnerung lange durchgehalten haben.

 

Gibt es denn eine Hilfe, den Kummer kleiner zu machen.

Es gibt Menschen, für die ist es wichtig, dass sie sich sofort um ein neues Tier kümmern können. Und für die ist diese Entscheidung dann auch richtig. Wir haben in unserem Herzen Platz für mehrere Menschen und Tiere. Es gibt aber auch Menschen, die glauben, sie nehmen dem toten Tier etwas weg und wollen nie mehr ein Tier. Das muss man respektieren. Auch wenn es schade ist, weil das oft Menschen sind, die sehr auf ein Tier eingehen konnten. Andere müssen warten, bis es wieder Zeit ist für ein Tier. Diese Zeit muss man ihnen geben. Es ist nicht gut, den betagten Eltern gleich wieder ein Tier zu kaufen, nur weil man ihre Trauer nicht aushalten kann. Das kommt leider oft vor.

 

Vermissen eigentlich Tiere ihre tierischen Spielgefährten?

Manche sind merklich froh, dass sie endlich Alleintier sind. Es gibt aber auch Hunde, die gerne miteinander spielen, zusammen in einem Körbchen schlafen: Für sie kann das plötzliche Alleinsein selbst zum Tod führen, weil sie nichts mehr fressen.

 

Bei Tieren gibt es demnach auch gebrochene Herzen?

Ja. Man kann schon im Voraus helfen. Wenn sich der Tod eines Tieres abzeichnet, kann man aber das andere schon zu Lebzeiten des kranken Tieres daran gewöhnen, vielleicht allein zu fressen und mit seinem Besitzer zu spielen.

Das Gespräch führte Hilke Lorenz.


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